Wenn die Trauben reif sind: Weinlese mit Tobias Köninger aus Kappelrodeck
Schwarzwälder Kulturlandschaft erhalten: pflanzen, pflegen, ernten, schmecken & genießen / Zu Besuch im Weingut Köninger in Kappelrodeck, den Reben und in der Kellerei in Achern
Es ist mitten in der Nacht, wenn in den Reben von Tobias Köninger die Lichter angehen. „Die Trauben für Weißwein und Rosé müssen wir wegen der hohen Temperaturen nachts ernten, wenn es kühler ist. Mit der Lese beginnen wir um ein, zwei Uhr, damit wir rechtzeitig vor der großen Hitze fertig sind“, erklärt der Winzer aus Kappelrodeck (Ortenaukreis). Die Trauben sind sonst zu warm und müssten stark abkühlen, damit sie ihre Qualität beibehalten. Mit dem trockenen Sommer ist Tobias dennoch zufrieden. Vor vier Jahren hat er auf Bio-Weinbau umgestellt. Regen bedeutet für ihn zusätzlichen Aufwand, denn danach muss er neues Pflanzenschutzmittel ausbringen. Da seine Rebstöcke aufgrund ihres Alters bereits tief verwurzelt sind, konnte er auch den Mangel an Regenwasser im Weinberg verkraften. Über den ein oder anderen Landregen hätte sich der Winzer aber schon gefreut.
„Während der Weinlese sind die Arbeitstage schon mal 16 Stunden lang“, berichtet Tobias. Das ist es ihm wert.
„Mich fasziniert der jährliche Zyklus aus pflegen, ernten und verarbeiten. Im Keller einen Wein auszubauen, zu riechen, zu schmecken, zu sehen, wie er sich entwickelt. Wenn dann die Leute hier probieren und strahlen, weil der Wein schmeckt, dann ist das eine runde Sache.“
Handarbeit, Familienkraft und der richtige Moment
Heute geht es erst später raus in die Reben. Der Spätburgunder auf den Flächen in Waldulm ist an der Reihe. Wann der richtige Zeitpunkt für die Lese ist, bestimmt Tobias mit einem Refraktometer. Über den Saft einer zerquetschten Traube misst es den Oechslegrad. Rund 90 Grad zeigt das Gerät an. Das entspricht 12,5 bis 13 Volumenprozent Alkohol. Perfekt für die Ernte.
Rotwein ist beim Weingut Köninger reine Handlese. Tobias (48 Jahre) und sein 16-jähriger Sohn Luis begutachten die Trauben zwischen den Weinblättern einzeln. Das geht nur bei Tageslicht. Die guten Trauben schneiden sie mit einer Schere am Stiel ab und werfen sie in eine Wanne. Derweil tuckert Tobias Vater Otmar (68 Jahre) mit einem Schmalspurtraktor durch die Rebzeilen. Aurel und seine Familie sind bereits seit kurz nach 7 Uhr in den Reben. Er arbeitet fest bei Tobias. Seit der Gründung des Weinguts im Jahr 2000 bringt Aurel jährlich Familienmitglieder aus Rumänien für die Weinlese mit. In diesem Jahr sind sie zu viert.
Zehn Hektar Reben bringen 80.000 Weinflaschen
Zehn Hektar Rebfläche ernten sie in diesem August und September. Rund 80.000 Flaschen Wein werden daraus gewonnen, schätzt Tobias. Mit ihrer Arbeit in den Reben halten sie zudem die von Weinbergen geprägten Hänge der Schwarzwälder Vorbergzone offen und bewirtschaften einen wichtigen Teil der regionalen Kulturlandschaft. Der Wein im Glas ist das Produkt von handverlesener Landschaftspflege!
Ein Teil davon bleibt ganz in der Region und kommt in der Gastronomie zwischen Offenburg und Karlsruhe auf den Tisch. Weitere Flaschen gehen über Weinhandlungen und den Einzelhandel bis nach Villingen-Schwenningen und Schwäbisch Hall. Den Rest verkauft Tobias direkt: im Laden am Weingut in Kappelrodeck, über den Online-Shop oder mit seinem Ausschankwagen, den man für Veranstaltungen mieten kann. Regelmäßig stehen Touristen aus Japan, den USA, Skandinavien, Spanien und weiteren europäischen Staaten vor der Theke, probieren und nehmen einige Flaschen mit oder lassen sich diese direkt nach Hause schicken. „Der Köninger Wein kommt rum“, sagt Tobias und lächelt.
Im Weinbau großgeworden
Das eigene Weingut ist sein Lebenswerk. Ein großer Wunsch, den er sich nach der Ausbildung in der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg erfüllt hat. „Ich bin zwischen den Reben aufgewachsen“, sagt Tobias rückblickend. Die Familie seiner Mutter lieferte Trauben an die Waldulmer Winzergenossenschaft (WG). Die väterliche Linie gehörte dem Winzerkeller Hex vom Dasenstein GmbH an. Auch Tobias lieferte seine Trauben zunächst dorthin. Mit 22 Jahren gründete er dann sein eigenes Weingut in Kappelrodeck. Bis heute ist er der einzige Vollerwerbswinzer mit eigenem Weingut in der Gemeinde.
Seine persönliche Verbindung zum Weinbau findet sich sogar auf jeder Flasche wieder: Die Etiketten tragen Tobias Fingerabdruck. „Als Winzer habe ich häufig Erde an den Händen. Da kam es mal vor, dass ich beim Übergeben der Flasche an die Kundschaft auf dem hellen Etikett meinen Fingerabdruck hinterlassen habe“, erzählt Tobias. Heute ist der Fingerabdruck als Teil des Logos ganz bewusst Symbol seiner Arbeit. „Ich bin viel draußen. Im Weinberg, in der Kelter, bei der Kundschaft. Der Fingerabdruck steht für diese gesamte Wertschöpfungskette.“
Schwarzwälder Kulturgut: Von den Reben ins Glas
Zurück im Weinberg in Waldulm: Die große Bütte ist schon randvoll mit roten Weintrauben. Tobias rollt eine Traube zwischen seinen Fingern. „In diesem Jahr sind die Weintrauben etwas kleiner. Das liegt an der langen Hitzeperiode und der geringen Regenmenge, die wir im Hochsommer hatten“, erklärt Tobias. „Dafür ist die Qualität der Trauben sehr hoch. Das wird ein sagenhafter Wein!“
Die vollen Bütten transportiert Tobias Vater Otmar mit dem Traktor in die Kellerei in Achern. Dort liegt der süßlich-fruchtige Duft frisch gepresster Trauben in der Luft, vermischt mit dem herben Geruch von Trester und der leicht hefigen Note des gärenden Mostes. Tobias nimmt eine Bütte auf die Gabel seines Staplers und schüttet die Trauben in den Entrapper. In der Maschine werden die Trauben von den Stielen getrennt. Dann kommen sie in die Presse. Übrig bleibt der Trester. Der Saft für Weißwein und Rosé wird anschließend in Tanks gelagert. Der Saft der heute geernteten Spätburgunder-Trauben ruht mit der Schale eine Woche im Tank. Anschließend gedeiht er für zwei Jahre in deutschen und französischen Eichenfässern. Cabernet Sauvignon kommt in amerikanische Eichenfässern. Sie verleihen dem Wein ein Vanillearoma.
Den Spätburgunder gibt es also erst in zwei Jahren zu trinken. Weißwein und Rosé hingegen füllt Tobias bereits in sechs Wochen in Flaschen ab. Dann können Einheimische wie Gäste den Wein probieren, der aus der Reblandschaft der Schwarzwälder Vorbergzone gewonnen wird. So erzählt jede Flasche nicht nur von einem guten Jahrgang, sondern auch von der Landschaft, in der sie gewachsen ist, und von den Menschen, die sie bewirtschaften und erhalten. Die Weinberge sind Lebens- und Erholungsraum für Menschen, Tiere und Pflanzen. Und zugleich ein Kulturgut, das die Region prägt.
Text: Gundi Woll
Fotos: Gundi Woll
GW/01.09.2026
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