Zwischen Mensch und Wildtier: Interview mit Wildtierbeauftragtem
Ein Gespräch mit dem Wildtierbeauftragten des Landkreises Rastatt, Thomas Bauer, über Herausforderungen und Chancen.
Auerwild, Luchs, Wildkatze und Wolf sind wohl die berühmtesten Vertreter der im Schwarzwald lebenden Wildtiere. Für den Landkreis Rastatt arbeitet Thomas Bauer als Wildtierbeauftragter an Konzepten für das Wildtiermanagement und
-monitoring. Dabei gilt es zu untersuchen, wo sich welche Wildtiere aufhalten, wie viele es sind, wie sie leben, sich verhalten und wie ihr gesundheitlicher Zustand ist. Als Wildtierbeauftragter ist es auch Bauers Aufgabe, die Öffentlichkeit über die Wildtiere im Landkreis zu informieren und Tipps für ein gutes Zusammenleben zu geben.
Hin und wieder stoßen hier unterschiedliche Interesse aufeinander, wie zum Beispiel beim sogenannten Hornisgrinde-Wolf. Wie hält Bauer die Balance zwischen Naturschutz und Nutztierhaltung unter dem Einfluss der Öffentlichkeit? Thomas Bauer im Gespräch mit dem Naturpark.
Erfahrung als Grundlage
Naturpark: Herr Bauer, Sie sind Förster, Jäger seit über 40 Jahren und waren unter anderem Revierleiter, Schweißhundeführer und sind Jagdschulausbilder. Welche Erfahrungen aus diesen Stationen helfen Ihnen heute in Ihrem Berufsalltag?
Thomas Bauer: Eigentlich hilft mir heute die ganze Bandbreite dieser Erfahrungen. Als Förster und Revierleiter lernt man, einen Lebensraum als Ganzes zu betrachten und Entwicklungen über viele Jahre hinweg zu beobachten. Als Jäger wiederum verbringt man sehr viel Zeit draußen und lernt dabei nicht nur die Wildtiere, sondern vor allem auch ihr Verhalten und ihre Lebensräume sehr genau kennen. Die Arbeit mit dem Schweißhund hat meinen Blick noch einmal geschärft. Denn dabei lernt man, kleinste Zeichen wahrzunehmen und richtig zu deuten.
Mindestens genauso wichtig ist der Umgang mit Menschen. In der Jagdschulausbildung muss ich komplexe Zusammenhänge verständlich vermitteln. Genau das brauche ich heute als Wildtierbeauftragter. Denn beim Wildtiermanagement geht es nie ausschließlich um das Tier. Es geht immer auch um die unterschiedlichen Interessen der Menschen, die sich denselben Lebensraum teilen.
Landkreis Rastatt bietet vielseitigen Wildtier-Lebensraum
Naturpark: Der Landkreis Rastatt gilt als eine Region mit außergewöhnlich vielen verschiedenen Wildtierarten. Warum ist dieser Lebensraum für Wildtiere so attraktiv?
Thomas Bauer: Das Besondere ist die enorme Vielfalt auf vergleichsweise engem Raum. Der Landkreis reicht von der Rheinebene bis hinauf in die Hochlagen des Nordschwarzwalds. Dazwischen liegen Wälder, Wiesen, Gewässer, Feuchtgebiete, landwirtschaftlich genutzte Flächen und sehr unterschiedliche Höhen- und Klimastufen. Dadurch entstehen ganz verschiedene Lebensräume.
Das ist letztlich auch der Grund, weshalb hier so unterschiedliche Arten vorkommen können. Wir haben Arten, die große zusammenhängende Waldgebiete benötigen. Genauso wie Tiere, die von offenen Flächen, Übergangsbereichen oder Gewässern profitieren. Hinzu kommt die Verbindung des Schwarzwalds mit anderen Naturräumen. Wildtiere halten sich schließlich nicht an Landkreis- oder Landesgrenzen. Entscheidend ist für sie, ob sie geeignete Lebensräume, ausreichend Nahrung, Rückzugsmöglichkeiten und Verbindungen zwischen diesen Lebensräumen finden.
Wildtiere meiden Menschen
Naturpark: Wildtiere sind an sich scheu. Der Mensch bekommt sie nur sehr selten zu Gesicht. Woran liegt das?
Thomas Bauer: Viele unserer Wildtiere haben sich sehr gut darauf eingestellt, dem Menschen aus dem Weg zu gehen. Manche Arten sind von Natur aus eher dämmerungs- oder nachtaktiv. Bei anderen wird dieses Verhalten durch Störungen zusätzlich verstärkt. Wenn tagsüber viele Menschen im Wald unterwegs sind, verlagern Tiere ihre Aktivität häufig stärker in die störungsärmeren Zeiten.
Dass wir ein Tier nicht sehen, bedeutet deshalb noch lange nicht, dass es nicht da ist. Wer beruflich mit Wildtieren arbeitet, liest den Lebensraum gewissermaßen anders. Wir achten auf Fährten, Losung (Kot), Haare, Risse, Wildwechsel oder andere Spuren und nutzen natürlich auch technische Möglichkeiten wie Wildkameras und – ganz wichtig – Informationen der Bevölkerung bzw. Jäger und anderer Naturnutzer. So bekommt man ein wesentlich vollständigeres Bild als nur durch direkte Sichtbeobachtungen.
Der Wolf: Artenschutz & Weidetierhaltung
Naturpark: Im Landkreis Rastatt sind mittlerweile auch Wölfe ansässig. Bei der Diskussion um die Entnahme des sogenannten Hornisgrinde-Wolfs waren die Gemüter sehr erhitzt. Wie erleben Sie aktuell die Stimmung?
Thomas Bauer: Beim Wolf treffen sehr unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und auch Ängste aufeinander. Für den einen ist seine Rückkehr ein großer Erfolg des Artenschutzes. Für den anderen – insbesondere für Menschen in der Weidetierhaltung – kann seine Anwesenheit eine ganz konkrete Belastung bedeuten. Beides muss man ernst nehmen.
Die Diskussion um den Hornisgrinde-Wolf hat gezeigt, wie schnell das Thema sehr emotional werden kann. Meine Aufgabe sehe ich darin zu erklären. Wir müssen versuchen, die Diskussion möglichst sachlich zu führen und konkrete Situationen auch konkret zu bewerten. Dazu gehören belastbare Daten aus dem Monitoring genauso wie funktionierender Herdenschutz, Beratung und Unterstützung der Tierhalter und – wenn die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind – auch die Möglichkeit, auf problematisches Verhalten einzelner Tiere konsequent zu reagieren.
Akzeptanz entsteht meiner Meinung nach nicht dadurch, dass man Konflikte kleinredet. Sie entsteht eher dadurch, dass die Menschen das Gefühl haben, dass ihre Sorgen ernst genommen werden und dass das Wildtiermanagement handlungsfähig ist.
Monitoring als Diskussionsgrundlage
Naturpark: Welche Missverständnisse über den Wolf und andere Wildtiere begegnen Ihnen besonders häufig?
Thomas Bauer: Ein grundsätzliches Missverständnis ist, dass Wildtiere oft als sehr menschlich betrachtet werden. Wir schreiben ihnen gute oder schlechte Absichten zu. Ein Wolf ist aber weder „gut“ noch „böse“. Er verhält sich zunächst einmal so, wie es seiner Art entspricht und wie es die jeweilige Situation zulässt.
Beim Wolf begegnen einem entsprechend beide Extreme: Auf der einen Seite wird er manchmal als grundsätzlich gefährlich dargestellt. Auf der anderen Seite werden mögliche Konflikte teilweise unterschätzt. Beides hilft uns nicht weiter. Wir brauchen einen realistischen Blick auf das Tier.
Ein weiteres Missverständnis betrifft die Zahl der Tiere. Gerade bei sehr heimlichen Arten wird aus einzelnen Beobachtungen schnell geschlossen, es müsse sehr viele davon geben. Oder umgekehrt, eine Art sei gar nicht vorhanden, weil man sie nie sieht. Deshalb ist ein systematisches Monitoring so wichtig. Es schafft eine möglichst objektive Grundlage, auf der wir anschließend diskutieren und Entscheidungen treffen können.
Management des Ökosystems
Naturpark: Neben dem Wolf ist auch der Luchs in den Schwarzwald zurückgekehrt. Warum sind sie für das Ökosystem wichtig?
Thomas Bauer: Große Beutegreifer gehören grundsätzlich zu einem vollständigen Ökosystem. Luchs und Wolf stehen weit oben in der Nahrungskette und wirken dadurch auch auf andere Tierarten und deren Verhalten ein. Der Luchs beispielsweise erbeutet bei uns vor allem Schalenwild wie Rehe. Dabei geht es aber nicht um die einfache Vorstellung, dass ein Beutegreifer automatisch sämtliche Wildbestände „reguliert“. Ökosysteme sind wesentlich komplexer.
Spannend ist vielmehr das gesamte Zusammenspiel. Beutetiere reagieren auf die Anwesenheit von Beutegreifern, sie verändern teilweise ihr Raum- und Nutzungsverhalten. Und auch von den Beuteresten profitieren wiederum andere Tierarten. Luchs und Wolf sind damit Bestandteile eines sehr viel größeren ökologischen Gefüges.
Gleichzeitig müssen wir bei ihrer Rückkehr natürlich die heutige Kulturlandschaft berücksichtigen. Wir leben nicht mehr in einer unberührten Wildnis. Deshalb braucht es Management, Monitoring und einen vernünftigen Umgang mit auftretenden Konflikten.
Erstmals seit 200 Jahren: frei in der Natur geborene Luchsbabys
Naturpark: Diesen Sommer gab es zum ersten Mal seit etwa 200 Jahren wieder frei in der Natur geborene Luchsbabys. Der erste Wurf war von der Luchsin Elisabeth. Der Zweite stammt vom ausgewilderten Paar Reinhold und Verena. Haben Sie die Luchsbabys damals gesehen?
Thomas Bauer: Für mich ist zunächst einmal entscheidend, was diese Jungtiere bedeuten: Dass nach rund 200 Jahren wieder Luchse im Schwarzwald in freier Natur geboren werden, ist schon etwas ganz Besonderes. Es zeigt, dass die Tiere nicht nur hierherkommen beziehungsweise ausgewildert werden, sondern dass sie geeignete Lebensbedingungen vorfinden und sich fortpflanzen.
Gerade beim Luchs ist es ohnehin typisch, dass selbst Menschen, die sehr viel im Wald unterwegs sind, ihn kaum einmal direkt zu Gesicht bekommen. Er lebt ausgesprochen heimlich. Umso wichtiger sind Fotofallen, genetische Nachweise und andere Methoden des Monitorings.
Bei der durch die FVA durchgeführten Untersuchung des Jungtieres von Elisabeth habe Ich mich bewusst dagegenentschieden mit „dahin“ zu gehen. Je weniger Störung für unsere Wildtiere entsteht, desto besser.
Konfliktmanagement: Gemeinsam Lösungen finden
Naturpark: Welche Ideen haben Sie, um die Interessen von Naturschutz, Weidetierhaltung, Forstwirtschaft und Jagd miteinander in Einklang zu bringen?
Thomas Bauer: Zunächst müssen wir akzeptieren, dass diese Interessen nicht immer deckungsgleich sein können. Es wird Situationen geben, in denen Zielkonflikte entstehen. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen.
Aus meiner Sicht funktioniert es am besten, wenn die Beteiligten frühzeitig miteinander sprechen und nicht erst dann, wenn ein Konflikt bereits eskaliert ist. Wir brauchen außerdem eine möglichst gute Datengrundlage. Wo befinden sich die Tiere? Wie entwickeln sich die Bestände? Wo gibt es Konfliktschwerpunkte? Welche Schutzmaßnahmen funktionieren und wo stoßen sie an Grenzen?
Für die Weidetierhaltung beispielsweise braucht es praktikablen Herdenschutz und entsprechende Unterstützung. In der Forstwirtschaft müssen wir Waldentwicklung und Wildbestände gemeinsam betrachten. Die Jagd wiederum ist ein wichtiger Bestandteil des Wildtiermanagements. Und der Naturschutz bringt die Anforderungen an den Erhalt von Arten und Lebensräumen ein.
Am Ende geht es nicht darum, dass eine Seite hundert Prozent ihrer Vorstellungen durchsetzt. Wir brauchen Lösungen, die in unserer Kulturlandschaft langfristig funktionieren. Das setzt gegenseitigen Respekt und vor allem die Bereitschaft voraus, miteinander statt übereinander zu reden.
Wildtierbegegnung: Wie verhalte ich mich?
Naturpark: Immer mehr Menschen sind draußen unterwegs: beim Wandern, Mountain- und Gravelbiken oder beim Trailrunning. Welche einfachen Verhaltensregeln helfen dabei, Wildtiere möglichst wenig zu stören?
Thomas Bauer: Das Wichtigste ist eigentlich sehr einfach: Auf den vorgesehenen Wegen bleiben. Rücksicht nehmen. Den Tieren Rückzugsräume lassen. Besonders in der Dämmerung und nachts sollten wir uns bewusst machen, dass genau dann viele Wildtiere besonders aktiv sind.
Hunde sollten so geführt werden, dass sie keine Wildtiere verfolgen können. Und wenn man tatsächlich einem Wildtier begegnet, sollte man Abstand halten, ruhig bleiben und dem Tier die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen. Das gilt natürlich ganz besonders bei Jungtieren.
Ein einzelner Wanderer oder Radfahrer auf einem regelmäßig genutzten Weg ist für viele Wildtiere erstaunlich gut einzuschätzen. Problematischer wird es häufig, wenn Menschen querfeldein oder quer durch den Wald gehen und damit in Rückzugsbereiche eindringen. Gerade im Winter kann jede unnötige Flucht für ein Tier einen erheblichen Energieverbrauch bedeuten.
Wir sollen und dürfen unsere Natur genießen. Es geht nicht darum, Menschen aus dem Wald auszusperren. Aber wir sind dort eben nicht allein.
Wenn sich der Lebensraum verändert: Wildtiere im Klimawandel
Naturpark: Wie wirkt sich der Klimawandel – insbesondere die lange Trockenperiode, die wir im Sommer hatten – auf die im Schwarzwald lebenden Wildtiere aus?
Thomas Bauer: Der Klimawandel verändert nicht nur den Wald, sondern ganze Lebensräume. Längere Trockenperioden, höhere Temperaturen und veränderte Niederschläge wirken sich auf Vegetation, Wasserverfügbarkeit und Nahrungsangebot aus. Manche Arten können darauf relativ flexibel reagieren, andere deutlich schlechter.
Besonders problematisch wird es, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen. Wenn Lebensräume ohnehin kleiner oder zerschnittener werden und dann zusätzlich klimatische Veränderungen hinzukommen, steigt der Druck auf empfindliche Arten. Beim Auerwild beispielsweise sehen wir, wie wichtig geeignete, strukturreiche und möglichst störungsarme Lebensräume sind.
Gleichzeitig verändern sich durch den Klimawandel auch Wälder und Offenlandschaften. Baumarten geraten unter Stress, Vegetationsperioden verschieben sich. Damit können sich langfristig auch Nahrungsgrundlagen und Lebensraumbedingungen für Wildtiere verändern. Deshalb müssen wir beim Wildtiermanagement zunehmend in längeren Zeiträumen denken und Lebensräume so entwickeln und vernetzen, dass Arten auf Veränderungen reagieren und gegebenenfalls auch ausweichen können.
Faszination Wildtier
Naturpark: Welches ist Ihr Lieblings-Wildtier und warum?
Thomas Bauer: Ein richtiges Lieblingswildtier habe ich eigentlich nicht. Wenn ich mich unbedingt festlegen müsste, hätte der Luchs vielleicht einen ganz kleinen Vorsprung. Mich fasziniert seine heimliche Lebensweise, seine Ruhe und auch die Tatsache, dass diese Art nach so langer Abwesenheit wieder in den Schwarzwald zurückkehrt und hier inzwischen sogar Nachwuchs bekommt.
Aber im Grunde liegen mir die typischen Wildtierarten des Schwarzwalds alle sehr am Herzen. Dazu gehören der Rothirsch genauso wie das Auerwild beziehungsweise der Auerhahn, der Wolf, die Wildkatze und viele andere Arten, die vielleicht weniger im öffentlichen Fokus stehen. Jede Art hat ihre eigene Faszination und ihren Platz in diesem Lebensraum.
Das Gespräch führte: Gundi Woll
Fotos: Thomas Bauer, Johannes Nickel, Dietmar Denger
GW/10.09.2026
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