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Regionalvermarktung

„Von Null auf Bauernhof – Die Landwirtschaft ist das, was mich glücklich macht“

Anlässlich des UN-Jahres der Frauen in der Landwirtschaft spricht der Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord mit Landwirtin Nadine Göz aus dem Landkreis Calw über Verantwortung, Partnerschaft und Freundschaften, Käse, Kühe, Glück und Schlafmangel.

© Johannes Nickel

Mit dem Leimenäckerhof in Unterreichenbach-Kapfenhardt im Landkreis Calw haben sich Nadine Göz und ihr Mann Carsten vor fünf Jahren einen Traum erfüllt. Raus aus dem alten, geregelten Berufsleben, rein in einen ganz neuen Lebensalltag auf ihrem Milchviehbetrieb. Im Haupterwerb bewirtschaften sie heute 50 Hektar Fläche und verarbeiten die Milch ihrer 30 Kühe weiter zu Joghurt, Quark und Käse. Die Milchkühe bestimmen den Tagesablauf. Für Nadine ist der Alltag auf ihrem Hof Passion und Erschöpfung zugleich. Der Hof ist ihr Zuhause. Hier ist sie am liebsten.

Im Gespräch mit der Landwirtin und Naturpark-Projektmanagerin Irmela Klöble und Naturpark-Pressesprecherin Gundi Woll erzählt Nadine Göz von der Entscheidung, die ihr Leben verändert hat. Dabei spricht sie über Einschränkungen und Freiheit. Der Leimenäckerhof gehört dem Naturpark-Netzwerk im Bereich Humus-Aufbau an.

Maul einer Kuh von vorne © Johannes Nickel

Der Hof & die Vermarktung

Gundi: Ihr seid in die Landwirtschaft nicht hineingeboren. Das Leben auf einem landwirtschaftlichen Betrieb ist euch also nicht in die Wiege gelegt worden. Trotzdem sagst du, der Hof ist deine Leidenschaft. Wie kamst du auf die Idee, deinen Job aufzugeben, um hier einen Kuhstall hinzustellen und Käse zu machen?

Nadine: Ich habe bis vor fünf Jahren als Arzthelferin gearbeitet. Mein Mann Carsten war Landmaschinenmechaniker. In seiner Kindheit hat er beim benachbarten Milchviehbetrieb mitgeholfen. Ich habe die Sommerferien auf dem Pferdehof meines Onkels verbracht. Insofern war für uns immer klar, dass wir irgendwas in der Landwirtschaft machen wollen. 2014 haben wir unsere Jobs an den Nagel gehängt und zwei Jahre auf einem Hof mit Käserei und Hofladen in Vollzeit mitgeschafft. Da haben wir gemerkt, dass die Landwirtschaft das ist, was uns glücklich macht und uns erfüllt. 365 Tage zu arbeiten, das war und ist es uns wert. Anschließend waren wir für einen Alpsommer in der Schweiz. Danach war es klar: Wir wollen einen Hof mit einer Direktvermarktung und natürlich Käse. Da es den bei uns nicht gab, haben wir beschlossen, selbst einen Betrieb aufzubauen. Von null auf Bauernhof! Wir sind mit null Hektar gestartet. Heute haben wir über 50 Hektar Fläche. Gepachtet, ein Teil auch eigene Fläche. Aber der Weg dahin war steinig. Ich bin froh, dass wir nicht alles im Voraus wussten. Wir würden es trotzdem wieder machen. Man wächst mit den Herausforderungen!

 

Gundi: Wie vermarktet ihr eure Produkte?

Nadine: Wir beliefern inhabergeführte Edeka-Märkte und Partner von uns. 85 Prozent vermarkten wir über den Hofladen direkt neben dem Kuhstall. Das Hotel KroneLamm im Schwarzwald in Bad Teinach-Zavelstein von den Naturpark-Wirten Rolf und Franz Berlin bezieht von uns Käse, Joghurt, Quark und Milch. Dann gibt es noch Partner, die über ihre Automaten Produkte von uns verkaufen. Dazu gehört der Biolandhof Reiser in Straubenhardt, die auch Naturpark-Partner sind und seit vielen Jahren den Naturpark-Brunch auf dem Bauernhof anbieten. Sehr gerne würden wir auch regelmäßig auf Märkte gehen, insbesondere auf die Naturpark-Märkte. Aber dafür fehlt uns einfach die Zeit und das Personal.

Partnerschaft und Freundschaften im Alltag leben

Irmela: Was erfüllt dich?

Nadine: Ich mache morgens gerne das Stalltor auf und sage: „Guten Morgen Welt!“ Die Aussicht hier genieße ich! Das ist Daheim! Das ist Heimat! Carsten und ich sitzen abends oft auf der Bank draußen im Hof. Es sind erfüllte und glückliche Tage, weil wir zusammenarbeiten können. Die gemeinsame Stallzeit oder den Bulldog reparieren. Das sind die Momente, in denen wir unseren Akku volltanken.

Und was mich noch erfüllt: Der Wertschöpfungs-Kreislauf, den wir hinbekommen haben. Du hast eine Kuh, die kriegt am Morgen ihr Kälbchen. Dann melke ich sie und mache aus der Milch den Käse. Sechs Stunden später habe ich den fertigen Käse. Sechs Wochen später kann ich den gereiften Käse probieren. Bei unserer Arbeit geht es auch darum, die Schwarzwälder Kulturlandschaft zu erhalten. Das ist sinnstiftend!

 

Gundi: 365 Tage Arbeit war eine bewusste Entscheidung. Das bedeutet auch: kein Urlaub.

Nadine: Wenn wir weg sind, sind wir nicht wirklich weg. Verlässt einer von uns den Hof, bleibt der andere da. Wenn, dann bin ich mal zwei Nächte weg. Mehr geht nicht, denn dann muss ich wieder käsen. Sonst hätte ich zu viel Milch. Sobald Grünfutter kommt, geht die Milchleistung hoch. Dann bin ich sieben Tage die Woche in der Käserei. Also im Sommer gehe ich schon mal gar nicht weg. Von einer Freundin habe ich einen Gutschein für einen Wellnesstag geschenkt bekommen. Den könnte ich schon einlösen. Aber mich stresst der Gedanke so sehr, dass ich lieber auf dem Hof bleibe und meine Arbeit erledige. Urlaubsfeeling haben wir, wenn unsere Freunde aus der Schweiz kommen. Dann haben wir prompt acht Hände mehr und können auch mal Entspannungspausen einlegen. Die zehn Minuten Kaffeetrinken vor der Stallarbeit, die kann ich dann richtig genießen.

 

Gundi: Hast du mit der Entscheidung für die Landwirtschaft deine Ruhe verloren?

Nadine: Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin ruhiger geworden.

Gundi: Aber nur, wenn du hier auf dem Hof bist, oder?

Nadine: Ja. Wenn ich mal ein paar Stunden bei Freunden bin, macht das nichts aus. Immer wenn ich nicht auf dem Hof bin, habe ich das Gefühl, dass zu Hause gerade etwas passiert. Uns sind die Tiere sehr wichtig. Wenn es ihnen schlecht geht, geht es auch uns schlecht.

 

Gundi: Wann hast du Zeit für Freunde und die Familie?

Nadine: Das findet bei uns auf dem Hof statt. Am Heiligabend kommen zum Beispiel alle, die Lust haben, zu uns und wir machen Raclette. Zwischendurch melke ich oder wir schauen nach den Kühen. Einmal im Jahr laden wir auch 70 bis 80 Leute zum Essen ein, die uns das Jahr über geholfen haben.

Wie umgehen mit Rollenbildern?

Irmela: Wenn jemand auf den Hof kommt und nach dem Betriebsleiter fragt, was antwortest du?

Nadine: Bin ich.

Irmela: Das ist deine Antwort?

Nadine: Klar!

Irmela: Tut dir die Frage nicht weh?

Nadine: Nö. Da steh‘ ich drüber. Wir machen 50/50. Aber es ist schon so, dass nach dem Mann gefragt wird. Das sind einfach noch alte Rollenbilder, die da zum Ausdruck kommen.

 

Irmela: Welche Erfahrungen habt ihr mit Lehrlingen gemacht?

Nadine: Wir haben hier auf dem Hof die Erfahrung gemacht, dass die Mädels zäher sind als die Jungs. Sie beißen sich mehr durch, sind ehrgeiziger. Sie schauen nicht auf die Uhr, sondern schaffen einfach. Ob das Ausmisten ist, der Umgang mit der Motorsense, Traktorfahren, Sachen spazieren heben, Weiden umzäunen...

Wenn Grenzen erreicht sind

Irmela: Wann erreichst du deine Grenzen?

Nadine: Viele Nächte ohne Schlaf. Luxus für uns sind sechs Stunden Schlaf. Jeder von uns arbeitet pro Woche 80 bis 100 Stunden. Manchmal haben wir Perioden beim Heueinfahren, da stehen wir morgens um fünf Uhr auf und arbeiten bis nachts um zwölf. Und dann müssen wir noch was essen und uns duschen. Das ist anstrengend. Und wenn dann noch viel Trubel auf dem Hof ist, gerade bei Nacht, dann ist es tatsächlich schwierig, zur Ruhe zu kommen. Da erreiche ich meine Grenzen. Zum Beispiel muss ich mir dann überlegen, ob ich die Kultur schon in den Käse reingemacht habe oder nicht. Dinge, die an sich automatisch ablaufen und über die ich mir keine Gedanken machen muss. Daran merke ich dann, dass ich nicht erholt bin.

 

Irmela: Wie fühlst du dich als Frau in der Landwirtschaft?

Nadine: Ich fühle mich meinem Mann gegenüber gleichberechtigt. Ich denke auch, dass dies bei vielen Berufskolleginnen der Fall ist. So viel wie möglich will ich ja auch selbst können und schaffen. Da habe ich meinen Anspruch und meinen Ehrgeiz. So einen 50 Kilogramm schweren Käselaib zu wenden, ohne wo anzustoßen, da braucht es Kraft. Das mache ich zum Beispiel allein. Traktor fahren, das kann ich auch, nicht nur mein Mann. Generell genießt es Carsten, dass ich so viel in der Landwirtschaft arbeite. Dass er mich auch mal um Hilfe bitten kann. Wir sind uns gleichgestellt, teilen uns die Arbeit auf dem Hof 50/50, auch bei den Verwaltungsaufgaben. Ich will gar nicht der Häuptling sein und die ganze Verantwortung tragen müssen! Vor dem Tag, an dem ich allein dastehe und alles selbst entscheiden muss, habe ich Angst!

Wie die Zukunft gestalten?

Gundi: Wie stemmt ihr das alles finanziell?

Nadine: Wir haben zweieinhalb Millionen Euro für den Hof, die Käserei und die Kühe investiert. Dafür haben wir von der EU, dem Bund und dem Land Fördergelder bekommen. Von dem NABU-Förderpreis 2023 haben wir eine PV-Anlage gekauft. Die ersten zwei Jahre hatten wir nur Ausgaben. Im dritten Jahr konnten wir damit beginnen, die Kredite abzubezahlen.

 

Irmela: Generationenwechsel ist ja immer ein großes Thema, wenn es irgendwann mal um die Hofübergabe geht…

Nadine: Wir können keine Kinder kriegen. Das wussten wir schon, bevor wir uns für das Hofprojekt entschieden haben. Hätten wir das nicht gewusst, hätten wir das mit dem Hof wahrscheinlich nicht gemacht.

Gundi: Warum?

Nadine: Aus zeitlichen und finanziellen Gründen. Bei den ganzen Planungen zum Hof wurden wir häufiger gefragt, was sei, wenn unsere Kinder den Hof nicht weiterführen wollen. Wir haben dann geantwortet: „Wir können keine Kinder kriegen. Wir machen das für uns.“ Dann sind alle ganz ruhig geworden und waren erschrocken. Wir haben diesen Betrieb aufgebaut und wir sind uns sicher, dass er auch nach uns fortgeführt wird. Bestimmt anders. Das wäre aber auch beim eigenen Kind der Fall. Und das ist auch gut so.

 

Irmela: Wie erlebst du die Klimaveränderung in deinem Alltag?

Nadine: Wenig Regen im Sommer. Das könnte zu existenziellen Problemen führen, weil wir dann wenig Futter für die Tiere haben. An heißen Tagen dürfen die Kühe gleich morgens nach dem Melken um sieben Uhr raus auf die Weide. Spätestens um zwölf Uhr holen wir sie wieder in den Stall. Was wir auch ausprobiert haben: Die Kühe über Nacht rauslassen, da es dann kühler ist und weniger Insekten unterwegs sind. Das fanden unsere Kühe aber doof. Sie haben die Nacht über gebrüllt. Sind einfach Heimschläfer! Seitdem lassen wir sie zum Schlafen im Stall. Im vergangenen Jahr haben wir Obstbäume als Schattenspender und Agroforst-Maßnahme gepflanzt. Gerade überlegen wir uns auch, Wassergräben anzulegen. So könnten wir die Quellen aus dem Wald nutzen und das Wasser über die Weiden führen. Energetisch haben wir eine PV-Anlage auf dem Dach, sodass ich bei gutem Wetter mit eigenem Strom käsen kann.

Beim Gespräch am Tisch im Stall: Gundi Woll, Irmela Klöble und Nadine Göz mit Hund © Johannes Nickel

Das Gespräch führten: Gundi Woll & Irmela Klöble mit Nadine Göz

Fotos: Johannes Nickel

GW/02.09.2026

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